Methode vs. Theorie

Die westliche Gesellschaft ist sehr durch rationales, logisches Denken geprägt. Intuition, Fühlen sind eher zweitrangig gefragte Qualitäten. Ein intuitives Handeln wird oft als spontan und willkürlich abgetan. Wenn jemand mit so einem Handeln Erfolg hat, so hat er, in den Augen vieler, einfach nur Glück gehabt.

Wenn wir etwas logisch verstanden haben, dann beschäftigen wir uns schnell wieder gedanklich mit neuen Problemen, um weiter zu kommen. Aber wie tief ist das Verständnis?

Das sind die Gründe, wieso ich in meinem Unterricht die Trainingsmethode in den Vordergrund stelle und nicht die Theorie. Es besteht sonst die Gefahr sich in Theorien zu verlieren. Methoden schaffen Orientierung! Durch die Konzentration auf die Methode, lernen wir auch wieder unsere Intuition wahrzunehmen und erkennen, dass es sich eben nicht um willkürliches, spontanes Handel handelt!

Beschäftigt man sich mit der Yin &Yang Theorie, so lassen sich die Grundzüge recht schnell logisch erfassen. Allerdings wirklich verstanden hat man die Theorie dann noch lange nicht.

Ein Beispiel: Die Aussage, „wenn etwas nach oben geht, muss auch etwas nach unten gehen“, ist vor dem Hintergrund der Yin &Yangtheorie einfach zu verstehen. Aber können wir das auch in unserem Körper spüren? Spüren wir beim Heben der Arme, dass auch etwas nach unten geht. Auf welcher Ebene spüren wir das? Das sind die entscheidenden Fragen. Denn nur wenn wir den Energiefluss auch wirklich spüren können, werden wir ein tieferes Verständnis erlangen, welches weit über das logische Verständnis herausgeht.

Wenn ich also im Unterricht die Bewegung zeige, und erkläre, dass wenn etwas nach oben geht auch etwas nach unten gehen muss, dann konzentrieren sich die Übenden darauf, das Wahrzunehmen. Vielleicht haben einige auch eine spontane Wahrnehmung. Das Problem ist dann nur, dass diese Wahrnehmung  immer wieder gesucht wird. Aber wenn die Haltung und die Entspannung noch nicht gut genug umgesetzt sind, ist eine kontinuierliche Wahrnehmung, mit der man dann weiter arbeiten kann, nicht möglich.

Ich vergleiche das immer mit dem Malen eines Bildes. In einem furchtbar kreativen Prozess kann ein Bild entstehen. Während des Prozesses fühle ich mich super! Vielleicht wird das Bild auch ein voller Erfolg. Alles finden es toll, dann fühle ich mich natürlich noch besser. Aber wie wiederholbar ist der Prozess? Wie toll sind meine nächsten Bilder. Oder falle ich danach wieder zurück in meine kreativlose Phase?! Als Künstler werde ich sicherlich erfolgreicher sein, wenn ich meine Technik weiterentwickle und irgendwann meinen eigenen Zugang zur Kunst entwickelt habe. Dazu gehört natürlich auch etwas Theorie, aber durch lesen und logische Verstehen wird kein Bild fertig!

Deswegen steht für mich die Trainingsmethode im Vordergrund. Wenn man sich an die Messpunkte und Strukturregeln hält, die volle Aufmerksamkeit auch das „Ausführen der Bewegung“ lenkt und nicht auf das was man im Körper alles für Wahrnehmung spüren sollte, dann verliert man sich nicht in der Theorie! Wir können viel tiefer in die Entspannung sinken, da sich unser Geist beruhigen kann. Ist mein Geist damit beschäftigt Dingen zu suchen, zu bewerten, oder sich zu fragen warum ich es nicht spüre, dann wir meine Entspannung nur oberflächlich sein. Ich werde diese Wahrnehmungen dann erst recht nicht spüren können. Wir müssen lernen zu passiven Beobachtern zu werden. Wir suchen nicht, wir finden! Wir bewerten nicht, wir stellen nur fest. Warum? Wir wollen zum Kern gelangen und die Bewegungsprinzipien verstehen. Der Weg dahin ist für alle anders. Der eine Fühlt das, ein anderer wieder etwas anderes usw. Wenn ich mich auch die Suche nach den Wahrnehmungen der anderen mache, verlasse ich meinen Weg. Das kann mir nicht so schnell passieren, wenn ich mich einfach nur an die Methode halte. Ich weiß, dass das nicht so einfach ist, da wir gerne unsere Fortschritte gerne an allgemeingültigen Eckpunkten fest machen wollen. Es gibt natürlich solche Eckpunkte, aber die werde ich in einem der nächsten Artikel erklären.

Fazit: Vertraut auf die Methode, übt fleißig, aber absichtslos. Dann werdet ihr definitiv Fortschritte machen!

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